Urgroßmutter

Meine Urgroßmutter Martha Julie Louise Heitchen, geb. Fritsch

Eltern meiner Urgroßmutter: Vater: Carl Fritsch; Mutter: Mathilde Fritsch, geb. Fleischer

15.7.1874: Geburt in Ptakowitz, Kreis Tarnowitz (Oberschlesien>Polen)
katholisch, später evangelisch
ca 1888: nach dem Tod der Mutter und der Wiederheirat des Vaters Umzug nach Berlin (zunächst zu Verwandten der Mutter)
Heirat mit dem Schlossermeister Richard Ludwig Paul Heitchen (evangelisch)
7.4.1902: Geburt der Tochter Margarete Adele Heitchen in Berlin
Scheidung, Datum unbekannt
22.1.1967: Tod meiner Urgroßmutter um 18.50 Uhr in Berlin


Meine Urgroßmutter, die "kleine Omi", lernte ich bei meinem ersten Aufenthalt in Berlin, mit drei Jahren, kennen. Sie war eine zierliche, nur eineinhalb Meter große Frau, die fromm und gütig auf mich wirkte, wenn auch aus ihren wachen Augen manchmal ein für mich nicht fassbares Geheimnis funkelte, das zu ihrem jetzigen Leben irgendwie nicht zu passen schien. Sie nähte mir Kasperlepuppen aus Stoffresten und erzählte mir viel von Jesus, zu dem ich Vertrauen haben sollte. Das Dachzimmer des schmucken Fachwerkhauses in Tegelort, in dem sie wohnte, hatte abgeschrägte Wände und geheimnisvolle Kriechräume. Sie zeigte mir Fotos von sich als junger Frau und Kleidungsstücke von früher, die sie in einer Truhe im Kriechraum aufbewahrte.

Wie ich später erfuhr, hatte sie eindeutig die interessanteste Vergangenheit von allen meinen Verwandten. Sie stammte aus einer bekannten oberschlesischen Musiker- und Schauspielerfamilie. Ein Bruder von ihr war der Vater von Willy Fritsch Sie hatte nach dem Tod ihrer Mutter als sehr junges Mädchen ihr Elternhaus verlassen und war nach Berlin gegangen. Hier verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Haushaltshilfe und Serviererin. Sie sah sehr attraktiv aus und war äußerst temperamentvoll. Ihre Wutausbrüche waren ebenso gefürchtet wie ihre Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft geschätzt wurden. Ungerechtigkeiten ertrug sie nicht, wobei vermutlich stets sie entschied, was ungerecht war. Als Serviererin hatte sie einem Vorgesetzten im Verlauf eines Streits vor allen Gästen einen Eimer mit Wischwasser über den Kopf gestülpt, dann folgerichtig gekündigt und erhobenen Hauptes den Ort des Geschehens verlassen.

Ihrer Tochter, meiner Großmutter, beichtete sie in einer intimen Stunde, sie sei eine Zeitlang die Geliebte von Eitel Friedrich, einem der sechs Söhne Kaiser Wilhelms II., gewesen. Dieser kaufte sich, als das nicht standesgemäße Verhältnis mit meiner Urgroßmutter Früchte zu tragen begann, durch regelmäßige Geldzahlungen von der Verantwortung frei. Kurz vor der Geburt meiner Großmutter heiratete sie einen Schlossermeister, der sich jedoch als Brandstifter entpuppte und ins Gefängnis kam. Meine Urgroßmutter ließ sich kurzerhand wieder von ihm scheiden, hatte sich aber durch die Eheschließung den schlechten Ruf und ihrer Tochter den Status der Unehelichkeit erspart. Viele Jahre lang lebte sie in Wohnungen mit gediegener Einrichtung, trug elegante Kleider, reiste in Kurbäder und verteilte großzügig Goldstücke an ihre Umgebung. Meine Großmutter erhielt Klavier- und Gesangunterricht und besuchte eine Schule für "höhere Töchter", bis zu Beginn des 1.Weltkriegs der Geldsegen abrupt aufhörte und das Leben für Mutter und Tochter sehr beschwerlich wurde.

Ihre "Jugendsünden" versuchte meine Urgroßmutter im Alter durch intensive Beschäftigung mit der christlichen Wissenschaft wieder "gutzumachen". Sie starb sehr friedlich im Alter von dreiundneunzig Jahren. Vom Krankenhauspersonal wurde sie am Ende ihres Lebens fast königlich bedient. Sorgfältig gekämmt und eingecremt thronte sie in einem Kinderbett, in dem sie sich wegen ihrer Statur am wohlsten fühlte. Hier "hielt sie Audienz" mit einem Charme, der ihre Umgebung immer noch in Entzücken versetzen konnte, wenn sie es wollte. Kurz nach ihrem Tod und nach meinem Abitur wurde ihr "Dachzimmer" meine erste eigene Wohnung.